Bibliothek
 
Nyanatiloka Mahathera

Nyanatiloka, der Wiesbadener Geigenvirtuose Anton Walther Florus Gueth (1878-1957), war über die Schriften Schopenhauers und die Theosophie zum Buddhismus gekommen. 1903 reiste er nach Indien, sodann Ceylon, um dort um Aufnahme in den Mönchsorden der südlichen Buddhismustradition zu bitten. 1904 erfolgte in Burma die Ordination zum Mönch. Nyanatiloka erlernte Pali und wurde in den folgenden Jahren zu einem bedeutenden Übersetzer und Vermittler des theravada-buddhistischen Kanons und seiner Inhalte im deutschsprachigen Raum.

Während des strengen Winters 1909-1910 lebte Nyanatiloka in der Süd-Schweiz bei Lugano. Ursprünglich hatte Nyanatiloka schon im Sommer 1908, zusammen mit vier weiteren Mönchen, am Lago di Lugano eine buddhistische Einsiedelei gründen wollen, um "den Grundstein zu legen für den Sangha [Mönchsgemeinschaft] im Abendland." . Dazu war es dann doch nicht gekommen. Die in Breslau ansässige 'Deutsche Pali-Gesellschaft' um Walter Markgraf (gest. 1915) und Friedrich Zimmermann (1852-1917) nahm sich unter ihrem Ehrenvorsitzenden Nyanatiloka sodann des Vorhabens an, ein "Viharo (Einsiedelei) in Europa auf deutschem Sprachgebiet" zu errichten . Buddhistischen Mönchen sollte ein Kloster zur Verfügung gestellt werden, um dort nicht nur gemäß den buddhistischen Ordensregeln leben, sondern auch tatkräftig an der Verbreitung des Buddhismus in Europa wirken zu können. Vorangetrieben wurde das Vorhaben, neben Nyanatiloka selber, insbesondere von Markgraf. Dieser war, soviel bekannt, ein Buchhändler aus der Schweiz. Markgraf war 1907 von Nyanatiloka in Burma zum Mönchsnovizen unter dem Namen Dhammanusari geweiht worden und seit 1909 Vorsitzender der Pali-Gesellschaft (1909-1913) . Finanzielle Unterstützung des Unternehmens versprach man sich von Enrico Bignami, einem Freund Garibaldis, sowie einem Spendenaufruf in der Buddhistischen Warte 1910. Nyanatiloka wurde geradezu begeistert von den Mitgliedern der Gesellschaft empfangen, mit seiner Ankunft "möge [...] der Sangho für lange Dauer seinen Einzug in Europa halten." .

Nyanatiloka lebte in einer einsam gelegenen Sennhütte, oberhalb Luganos. Nur in der traditionellen Robe des bhikkhu (Mönch) und mit dürftigen Sandalen bekleidet litt er sehr unter der Kälte, wie seine autobiographischen Aufzeichnungen festhalten. Andererseits erregte sein Aufzug und Aufenthalt großes Interesse in der internationalen Presse, beides "rief gewaltiges Aufsehen hervor. Von allen möglichen Reportern für die Schweiz, Italien, Deutschland etc. wurde ich aufgesucht und photographiert usw." . Dem erwartungsfrohen Einzug Nyanatilokas folgte bald wieder der Auszug, da die Errichtung des Viharo an mangelnder finanzieller Unterstützung sowie der "unsäglichen Kälte und des dadurch bedingten schwierigen Lebens" litt . Nyanatiloka entschloss sich, "zusammen mit [Ludwig] Stolz, nach dem Süden zu ziehen, eventuell gar nach Nordafrika, um dort eine Mönchssiedlung zu errichten." .

In Tunesien wurden Nyanatiloka und Stolz jedoch von den französisch-kolonialen Behörden ausgewiesen, so daß ihr Weg sie erneut in die Schweiz führte, dieses Mal nach Lausanne. Dort hatte der vermögende R. A. Bergier das 'Caritas-Viharo', eine buddhistische Einsiedelei, erbauen lassen, in dem die zwei 1910/1911 für mehrere Monate wohnten und von Bergier versorgt wurden. Nyanatiloka berichtet: "Allsonntäglich pilgern hier viele Menschen vorbei und bewundern dieses exotisch anzuschauende zweistöckige Häuschen mit flachem Dach und vergoldeten Buddhas, auf dessen Wänden sie die in Rot und Gold geschriebenen Lehren des Buddha studieren." . Erneut wurde Nyanatiloka von vielen aufgesucht und u.a. die Rezitation des Metta-Sutta, eines buddhistischen Lehrtextes, auf einer phonographischen Wachsplatte festgehalten; sie soll laut der Autobiographie im Lausanner Archiv aufbewahrt sein.

Im Oktober 1910 weihte Nyanatiloka den aus München stammenden Bartel Bauer (1887-1940) in dem 'Caritas-Viharo' zum Novizen Kondañño. Die Novizenordination war damit zugleich die erste buddhistische Ordination auf europäi-schem Boden. Bauer war durch Nyanatilokas Büchlein Das Wort des Buddha (Leipzig 1906) auf den Buddhismus gestoßen und fest entschlossen, Schüler Nyanatilokas und buddhistischer Mönch zu werden. Bauer erlernte Pali bei Nyanatiloka und fuhr im gelben Gewand des Mönchsanwärters im Dezember 1910 nach Ceylon . Im Frühjahr 1911 folgte Nyanatiloka mit drei Schülern nach. Von Genua schiffte man sich nach Colombo (Ceylon) ein, um dort noch im gleichen Jahr die später berühmte 'Island Hermitage' auf der Insel Polgasduwa, in der Ratgama Lagune bei Galle (Südceylon) gelegen, zu gründen. Die Insel selber hatte Bergier 1913 oder 1914 gekauft und sie durch Schenkung Nyanatiloka 1914 übereignet. In die Schweiz kam Nyanatiloka nach der Abreise 1911 nicht mehr, wohl aber seine Schüler, insbesondere sein engster Schüler, Nyanaponika .

 
Zurück zur Autorenauswahl >>
     Texte

 

 

Buddhistisches Woerterbuch

Buddhist Dictionary

 

Wat Sibounheuang © 2008 | IMPRINT